Lernen ohne Pflichtschule – Ist das überhaupt möglich?

Computer Learning Station in Kajuraho / IndiaCC-Ulrike Reinhard

Computer Learning Station in Kajuraho / India
CC-Ulrike Reinhard

Wenn es um selbstbestimmtes Lernen und Lernen mit dem Internet geht, stoße ich immer wieder auf Einwände, die häufig vorgebracht werden, weil sie wie quasi „natürliche“ Fakten erscheinen, die jeder kennt, und die angeblich ein nicht von außen gesteuertes erfolgreiches Lernen unmöglich machen. Aber sie beruhen auf unhinterfragten Voraussetzungen. Wenn man diese Vorannahmen aufdeckt, erscheinen die Einwände plötzlich in einem ganz anderen Licht.

Das „Grenz-Argument“:

„Sicher sind Kinder von Natur aus neugierig und wollen etwas lernen. Aber die meisten der Kinder werden an Grenzen stoßen – nämlich dort, wo ihr Interesse erlahmt oder wo zum Verständnis das Wissen über Zusammenhänge erforderlich wäre, das man durch bloßes Browsen nicht erwirbt.“

Nicht nur die meisten, alle Kinder stoßen an Grenzen – und? Abgesehen davon, dass das immer schon so war und auch so bleiben wird – was bedeutet dieses Argument?

Soll damit wirklich gesagt werden, dass „an Grenzen zu stoßen“ schlecht ist? Oder unerwünscht? Soll das bedeuten, dass das Lernen in anderen institutionellen Zusammenhängen (sprich: in der Schule) NICHT an Grenzen stößt? Oder soll damit ernsthaft behauptet werden, dass Lehrer ihre Schüler – womöglich jederzeit und ganz unproblematisch – über die individuellen Grenzen hinweg bringen? Oder dass es nur die Lehrer sind, die dies bewerkstelligen können?

Ich denke, es geht hier um das Verhältnis von Wissen und Nichtwissen.

Jedes Wissen eines Individuums ist der Versuch, aus dem unbegrenzten Nichtwissen den Bereich „auszugrenzen“, der für dieses Individuum sinnvoll erscheint, ist also ein sinnorientierter Umgang mit der Grenze zwischen Wissen und Nichtwissen. Solange dieser Umgang nicht bewusst wird, weil das begrenzte Wissen sinnvoll bleibt, besteht gar kein Anlaß, das Wissen zu erweitern. Anders herum, wenn ich mein Wissen erweitern will, geht das nur, wenn ich „an seine Grenze stoße“ und damit einen Anknüpfungspunkt für die gewünschte Erweiterung oder Veränderung meines Sinns finde. Schon immer war daher nur derjenige Unterricht wirklich erfolgreich, der die Kinder an die Grenze ihres Wissens brachte und ihnen die Begrenztheit ihres Wissens bewusst machte. Nur unter dieser Voraussetzung konnten (und können) sie lernen. Das gilt für jedes Wissen, auch für das Wissen von Zusammenhängen.

Brauche ich für die Möglichkeit der Grenzerfahrung aber vielleicht zwingend eine entsprechende Institution mit einem institutionalisierten Rollenträger?

Das würde bedeuten, daß VOR der gesellschaftlichen Einrichtung der Schule als Institution und VOR der gesellschaftlichen Etablierung einer professionellen Berufsrolle nicht hätte gelernt werden können. Diese Schlussfolgerung kann man nur vermeiden, wenn Schule zu einer immer schon existierenden, also unhistorischen, sozusagen anthropologischen Konstante erklärt würde – eine Vorstellung, die niemand ernsthaft vertritt.
Wie aber komme ich als Lernender dann an diese Grenze?
Das hängt mit dem zweiten Einwand zusammen:

Das „Interesse-Argument“:

„Aber was passiert, wenn das Interesse erstirbt? Dann lernt das Kind eben nicht weiter. – Ende der Geschichte?“

Im Prozess des Wissenserwerbs „erlahmt“ oder „erstirbt“ zuweilen das Interesse – wieder: na und? Abgesehen davon, dass auch das eine uralte Erfahrung ist, die jeder von uns aus der eigenen Schulzeit nur zu gut kennt und die auch so bleiben wird – was bedeutet dieses Argument? Worin liegt denn die Katastrophe, mit der hier gedroht wird? Und worin liegt die Alternative, wenn die drohende Katastrophe real wäre? Soll ernsthaft angenommen werden, dass das Interesse in den schulischen Lernprozessen NICHT „erlahmt“? Oder dass Lehrer bewirken könnten, dass es NICHT „erstirbt“? Kann die Schule als Institution bzw. können Lehrer als Träger einer Berufsrolle in das Interesse von Schülern so eingreifen, dass dieses Interesse NICHT erlahmt? Soll das Argument bedeuten, dass das Interesse am Wissen VON AUSSEN erzeugt werden könnte?

Ich denke, hier geht es um das Verhältnis von Wissen und Motivation bzw. Sinn.

Ohne Motiv wird nicht gelernt. Das gilt auch für das schulische Lernen von abstraktem Wissen und sogar für das Lernen des Lernens: Wenn es keinen Sinn macht, wird es verweigert. Unsere Schulen sind voll von Schulverweigerern. Sinn aber kann man nicht geben, Sinn wird gefunden und zwar von dem, der ihn braucht.

Aber kann man nicht jemanden motivieren? Werden unsere Lehrer nicht speziell darin ausgebildet, ihre Schüler zu motivieren? Wenn man auch hier eine extrinsische, also von außen erzeugte Motivbildung für unmöglich erklärte, wie ließe sich dann erklären, dass in der Schule überhaupt gelernt wird? Und dass dies geschieht, kann ja nicht ernsthaft geleugnet werden.

Tatsächlich geht dieses Modell von der Vorstellung aus, dass nicht nur das Wissen, sondern sogar die intrinsische Motivation dazu, also der innere Antrieb zum Lernen oder die Lernmotivation VON AUSSEN gegeben bzw. erzeugt werden kann. Vereinfacht: Lehren ist die Kunst, Schüler lernen zu MACHEN. Jedenfalls wird diese Vorstellung in allen Konzepten des formellen, intentionalen, beabsichtigten, institutionellen Lernens vorausgesetzt.

Was aber ist mit dem informellen, funktionalen, ungeplanten usw. Lernen? Wie erklärt dieses Modell, dass nicht nur das neugeborene Kind, sondern sogar der Fötus im Mutterleib unzweifelhaft lernt?

Hier muss man sich letztlich zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden: Entweder man geht davon aus, dass wir Produkt unserer Erziehung (oder allgemeiner: unserer Sozialisation) sind – dann hat man letztlich den unlösbaren Widerspruch am Hals, den Subjektcharakter des Menschen als Produkt zu denken. Oder man akzeptiert, dass der Subjektcharakter unter anderem darin besteht, sich von allem Anfang an als Subjekt verwirklichen zu WOLLEN. Mit anderen Worten, die Lernmotivation ist als unbestimmt allgemeine Gerichtetheit auf Entwicklung mit dem Menschsein mitgegeben und immer schon da. Die empirischen Belege, die Sugata Mitras berühmtes Experiment dafür beibringt, sind jedenfalls beeindruckend.

Wenn man sich aber für diese Option entscheidet, dann braucht man nicht mehr zu befürchten, dass das Interesse an Entwicklung „erlahmt“ – jedenfalls nicht grundsätzlich, nicht ALLGEMEIN. Das kann es gar nicht, es wäre gleichbedeutend mit dem Tod. Was konkret „ersterben“ kann, ist das BESTIMMTE Interesse an bestimmtem Wissen, denn das hängt von dem Sinn ab, den dieses Wissen zu einem bestimmten Zeitpunkt für das Individuum hat.

Wer will aber für einen anderen Menschen – und sei es ein Kind – entscheiden, dass all das potentielle Wissen, das im Internet zur Verfügung steht, für ein lernwilliges und lernbegierigen Kind vollständig an seinem Sinn vorbei geht? Wäre das nicht eine äußerst pessimistische, ja eine arrogante Annahme?

Es kommt daher NICHT „auf das Individuum an“, sondern es kommt auf unsere SICHTWEISE vom Individuum an!

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5 Antworten zu Lernen ohne Pflichtschule – Ist das überhaupt möglich?

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  3. Pingback: Zu Rückriems “Lernen ohne Pflichtschule” | EduShift

  4. kmesch schreibt:

    passend zu diesem sehr spannenden Artikel hier etwas Aktuelles: A school in the cloud: Sugata Mitra accepts the TED Prize at TED2013
    http://blog.ted.com/2013/02/26/a-school-in-the-cloud-sugata-mitra-accepts-the-ted-prize-at-ted2013/

  5. Pingback: Lernen ohne Pflichtschule – Ist das überhaupt möglich? | E-Didaktik & Mediendidaktik | Scoop.it

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