Interview mit Jeff Bliss: Schüler kritisieren Schule auf neuem Niveau

Der High School-Schüler Jeff Bliss kritisiert den Unterricht seiner Lehrerin, lässt sich dabei filmen und das Video ins Netz stellen. Hier wird er im Fernsehen interviewt, nachdem das Video viel Aufmerksamkeit erhalten hat. Der TV-Beitrag ist mittlerweile 3,8 Millionen mal angesehen worden.

Ich denke, dass sich hier ein bemerkenswerter Wandel abzeichnet, den man anscheinend bereits verallgemeinern kann:
Die Schüler reagieren nicht mehr nur mit Trotz, Verweigerung und Gewalt, sondern mit Argumenten, d.h. mit Bewußtsein, sie kritisieren mit Argumenten und sie nutzen den Austausch über ihre Lernnetze, um zu erfahren, dass ihre Argumente geteilt werden und zwar massenhaft!! Hier kann man nicht mehr relativierend und beschwichtigend auf den bedauerlichen Einzelfall einer überforderten Lehrerin verweisen. Wenn Schüler bereits in der Lage sind, ihre – ausgebildeten! – Lehrer mit Argumenten zu kritiseren, die man ansonsten in der entsprechenden Wissenschaft nachlesen kann, dann hat sich hier ein entscheidender Wandel vollzogen.

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Lernen Lernen lernen – Anmerkungen zu Lisa Rosas re:publica13 Talk

Lisa Rosas Vortrag auf der republica13 hat mich so angeregt, dass ich ihn ihr mit meinen Kommentaren darin zurückgeschickt habe. Daraufhin schlug sie vor, den kommentierten Vortrag zur weiteren Bearbeitung und Kommentierung auch durch andere hier einzustellen, was ich hiermit gerne mache (meine Kommentare eingerückt):

Lernen Lernen lernen mit dem persönlichen Lernnetzwerk.
Wie im digitalen Zeitalter eigensinnig und gemeinsam gelernt wird

Foto: Barrett Lyon, The Opte Project, Nov. 23, 2003

Foto: Barrett Lyon, The Opte Project, Nov. 23, 2003

Oft wird viel zu früh danach gefragt, wie sich „die Bildung“ – verstanden als Unterricht und Lehre – zu verändern habe, noch bevor überhaupt begriffen worden ist, wie sich das menschliche Lernen mit dem Leitmedienwechsel verändert. Und dann gibt es eben die bekannten Kurzschlüsse. Schon historisch gesehen macht es jedoch keinen Sinn, Lernen und institutionalisiertes Lehren als Einheit zu denken. Denn Schule als allgemeinbildende Pflichtschule existiert ja noch nicht mal 1/300 der Zeit, die die ohne Schule trotzdem ständig lernende Menschheit schon existiert.

Ja, „Lernen“ ist so alt wie die Menschheit selbst, aber das institutionalisierte Lehren ist eine geschichtlich sehr späte Entwicklung. Was sie aber hauptsächlich trennt, sind nicht die Jahrtausende, sondern das Verhältnis von Allgemeinem und Besonderem. Weiterlesen

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Die (Medien-)Kultur formt das Gehirn. Müssen wir uns fürchten?

Diagram_of_a_social_network_wikimedia_commons

Diagram of a social network / wikimedia commons

Noch immer liest und hört man den vor allem bei Skeptikern oder Gegnern beliebten Einwand gegen die sogenannten Neuen Medien, ihr Gebrauch würde unser Gehirn verändern. Schon der häufige Gebrauch des Daumens bei der Bedienung von Handys sei mit bildgebenden Verfahren als Vergrößerung bestimmter Hirnareale nachweisbar. Das hatte man ja schon immer gesagt: Die (Medien-)Kultur formt das Gehirn. Und schon scheint es bewiesen: der Computer macht dumm!

Müssen wir uns also wirklich fürchten? Weiterlesen

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Lernen ohne Pflichtschule – Ist das überhaupt möglich?

Computer Learning Station in Kajuraho / IndiaCC-Ulrike Reinhard

Computer Learning Station in Kajuraho / India
CC-Ulrike Reinhard

Wenn es um selbstbestimmtes Lernen und Lernen mit dem Internet geht, stoße ich immer wieder auf Einwände, die häufig vorgebracht werden, weil sie wie quasi „natürliche“ Fakten erscheinen, die jeder kennt, und die angeblich ein nicht von außen gesteuertes erfolgreiches Lernen unmöglich machen. Aber sie beruhen auf unhinterfragten Voraussetzungen. Wenn man diese Vorannahmen aufdeckt, erscheinen die Einwände plötzlich in einem ganz anderen Licht. Weiterlesen

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Inklusion – ein gutes und vorwärts weisendes Konzept?

inklusionIst doch ein toller Fortschritt. Keine Diskriminierung mehr wegen Behinderung welcher Art auch immer! Und konsequenterweise die volle Anerkennung des „Rechts von Menschen mit Behinderungen auf Bildung“ sowie auf ein „inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen“, „Grundschulen und weiterführenden Schulen“ ausdrücklich eingeschlossen, mit der Konsequenz „wirksamer individuell angepasster Unterstützungsmaßnahmen in einem Umfeld, das die bestmögliche schulische und soziale Entwicklung gestattet“.[1]

Peinlich zwar, dass die Bundesregierung das Recht auf individualisierte Bildung offiziell erst dann als Menschenrecht anerkannte, als sie durch den Beschluss der UN-Behindertenrechts­konvention (BRK) von 2006 dazu gezwungen war – obwohl die Salamanca-Erklärung der Weltkonferenz „Pädagogik für besondere Bedürfnisse“[2] mit vergleichbaren Forderungen schon seit dem 10. Juni 1994 existierte.

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Was ist Sinn?

„Wie kann ich denn mein Kind mit Down Syndrom motivieren?
Was kann ich meinem autistischen Kind über den Sinn des Lernens erzählen?“

Diese verzweifelten Fragen wurden mir auf einer Fortbildungsveranstaltung des Christel-Manske-Instituts in Hamburg für Eltern von Kindern mit Behinderung gestellt.

Manske_Institut

Dabei ließen spätestens die zur Begründung ergänzten konkreten Beschreibungen des Verhaltens vor allem von Kindern, die vom Autismus des Kanner-Typs betroffen sind, jede positive Beantwortung aussichtslos erscheinen. Wer schon einmal autistische Kinder dieses Typs gesehen hat, weiß wie schwer es ist, ihr Verhalten mit Sinn in Verbindung zu bringen. In der Kulturgeschichte fast aller europäischen Völker sind Kinder mit dieser Behinderung, seit es Aufzeichnungen darüber gibt, als „Wechselbälger“ bezeichnet worden, d.h. als Wesen, die von Naturgeistern oder auch vom Teufel gegen menschliche Kinder ausgetauscht (ausgewechselt) und ihren Eltern unterschoben worden sind. Selbst Martin Luther hat sich der damals allgemeinen Ansicht angeschlossen, dass es sinnlos sei, sich mit diesen Kindern überhaupt zu befassen, und dass es besser wäre, sie „in die Molde“ zu werfen und zu ertränken. Man muss schon theoretisch weit ausholen, um in ihrem oft schwer bis gar nicht verständlichen Verhalten den Sinn zu sehen, der auch darin noch steckt. Dazu ist es aber notwendig, zunächst die Bedeutung von Sinn für jeden Menschen zu rekonstruieren.

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