Lernen Lernen lernen – Anmerkungen zu Lisa Rosas re:publica13 Talk

Lisa Rosas Vortrag auf der republica13 hat mich so angeregt, dass ich ihn ihr mit meinen Kommentaren darin zurückgeschickt habe. Daraufhin schlug sie vor, den kommentierten Vortrag zur weiteren Bearbeitung und Kommentierung auch durch andere hier einzustellen, was ich hiermit gerne mache (meine Kommentare eingerückt):

Lernen Lernen lernen mit dem persönlichen Lernnetzwerk.
Wie im digitalen Zeitalter eigensinnig und gemeinsam gelernt wird

Foto: Barrett Lyon, The Opte Project, Nov. 23, 2003

Foto: Barrett Lyon, The Opte Project, Nov. 23, 2003

Oft wird viel zu früh danach gefragt, wie sich „die Bildung“ – verstanden als Unterricht und Lehre – zu verändern habe, noch bevor überhaupt begriffen worden ist, wie sich das menschliche Lernen mit dem Leitmedienwechsel verändert. Und dann gibt es eben die bekannten Kurzschlüsse. Schon historisch gesehen macht es jedoch keinen Sinn, Lernen und institutionalisiertes Lehren als Einheit zu denken. Denn Schule als allgemeinbildende Pflichtschule existiert ja noch nicht mal 1/300 der Zeit, die die ohne Schule trotzdem ständig lernende Menschheit schon existiert.

Ja, „Lernen“ ist so alt wie die Menschheit selbst, aber das institutionalisierte Lehren ist eine geschichtlich sehr späte Entwicklung. Was sie aber hauptsächlich trennt, sind nicht die Jahrtausende, sondern das Verhältnis von Allgemeinem und Besonderem. „Das“ Lernen ist eine Abstraktion, eine Verallgemeinerung. Konkret hat es immer nur in kulturell wie historisch unterschiedlichen Formen existiert, die im einzelnen von dem jeweils vorherrschenden Medium abhingen. Es ist leicht einzusehen, dass Menschen anders lernen, wenn ihr Lernen in einer oralen, also schriftlosen, oder in einer Gesellschaft stattfindet, die über die Symboltechnologie der Schrift verfügt. In derselben Weise macht es einen Unterschied, ob Lernen von der selbstverständlichen Existenz  gedruckter Bücher ausgehen kann, d.h. ob mit Lehrbüchern gearbeitet werden kann – oder nicht. Interessanterweise wurde ja auch die Einführung der allgemeinbildenden Pflichtschule geschichtlich erst in der Buchdruckgesellschaft notwendig. Jetzt erst entstand daher auch der Zusammenhang von Lehrtätigkeit (also Unterricht als einem besonderen Sozialraum) und Lerntätigkeit (als einer besonderen und in dieser Form neuartigen Tätigkeit) als einem spezifischen, geschichtlich neuen System, dem Schul-Wesen. Dieses System veränderte beides, das Lernen und das Lehren. Und in dem Maße wie sich das Schulwesen unter dem Druck gesellschaftlicher Entwicklungen weiter veränderte, verändert sich auch das System des Verhältnisses von Lernen und Lehren. Das gilt heute als eine selbstverständliche Erkenntnis. Dass sich aber das System selbst erst unter den Bedingungen eines ganz bestimmten Mediums – dem Buchdruck – herausgebildet hat und sich insofern mit der Entwicklung eines neuen globalen Mediums – der Digitalisierung – ähnlich fundamental verändert und verändern muss, ist jedoch noch keine allgemein anerkannte Tatsache.

Ich beschäftige mich heute daher nicht mit Schule oder Hochschule, sondern mit dem Lernen. Das Motto der Republica,  in/side/out, habe ich mir folgendermaßen interpretiert: Inside out! Im Sinne von „umkrempeln“, „auf Links drehen“, „wenden“. Wenn etwas kaputt ist oder wenn ich etwas nicht verstehe, muss ich das Innenleben nach außen wenden, um Einsicht ins Betriebssystem zu gewinnen. Denn nur so kann ich erkennen, warum etwas nicht richtig funktioniert. Manchmal liegt es daran, dass ein Betriebssystem nicht zu den aktuellen Umweltbedingungen passt. Wie beim Schirm, der darum bei Sturm kaputt geht. Und ich denke, dass es mit dem, was traditionell unter Lernen verstanden wird, eben auch so ist: Es passt nicht mehr zu den jetzigen Umweltbedingungen, die das tatsächliche Lernen längst verändert haben.

Vorsichtig ausgedrückt! Dabei hat es vergleichbare (naja, in etwa wenigstens) Ungleichzeitigkeiten und Krisen auch früher und gar nicht so weit zurückliegend schon gegeben. Z.B. als der Sputnikschock die westliche Welt erschütterte, dauerte es nur wenige Jahre, bis sich selbst in CDU-regierten Ländern die Einsicht durchsetzte, dass die (seit 150 Jahren erwünschte) Qualität des institutionellen Lernens und Lehrens auch bestimmte (und vor allem gleiche!) institutionelle Bedingungen erforderte, sich also unter unterschiedlichen Institutionsformen nicht in derselben Qualität garantieren lässt. Konkret: die einklassige Schule wurde abgeschafft – wenn auch wohl eher unter dem heftigen Druck von Wirtschaft und Industrie, die durchsetzten, dass die Schule für besser qualifizierte Schüler sorgen müsse. Auch heute sind es unsere durch Digitalisierung und Internet veränderten Umweltbedingungen, die längst und überall neue Lernformen hervorgebracht haben, zu denen die traditionellen institutionellen Formen des Lernens nicht mehr passen; und wieder sind es Wirtschaft und Industrie, die es am ehesten begriffen haben und überall neue Lernformen unterstützen und hervorbringen. Allerdings geht es heute nicht mehr lediglich um eine Anpassung der Institutionen zum Zweck eines effektiveren Lernens wie bei der Entwicklung der Gesamtschule, sondern um eine so fundamentale Umwandlung des Lernens, dass die Auswirkungen auf die bestehenden institutionellen Formen noch gar nicht absehbar sind. Es ist der Unterschied zwischen Veränderung und Umgestaltung oder Umwälzung, um den es geht. In den USA bezeichnet man ihn offen mit „Revolution“. Selbst eine so medienkritische Wochenschrift wie „Die Zeit“ scheut sich nicht, über die „revolutionären Veränderungen“ zu schreiben.

Inside out ist also auch insight out! : Heraus mit der Erkenntnis!
Mir geht es um Einsichten in die Folgen des Leitmedienwechsels sowohl für die Art und Weise des Lernens als auch für die Inhalte des Lernens. Die Digitalität gibt die Prinzipien, das Betriebssystem vor, mit denen die Gesellschaft kommuniziert. Kommunikationen sind soziale Beziehungen. Genau genommen besteht Gesellschaft aus Kommunikationen. Und Wissen bzw. Lernen als das Produzieren von Wissen ist an diese Kommunikationen und seine Bedingungen gebunden.

Stark verkürzt! Tatsächlich sind Kommunikationen immer schon an Symboltechnologien oder Kommunikationsmedien gebunden, weil es eine unmittelbare Kommunikation nicht gibt. Diese jeweiligen Kommunikationsmedien oder Symbolsysteme sind das allgemeine „Betriebssystem“ einer Gesellschaft, dem alle anderen Subsysteme einer Gesellschaft nachgeordnet sind. Das betrifft die Ökonomie so gut wie das Finanzsystem, die Politik wie die Kunst, das Gesundheitswesen, das Rechtssystem, das Wissenschaftssystem wie das Schulwesen. Die Digitalisierung als Technologie und das Internet als ihr Kommunikationssystem verändern die Welt, sind universal und global, verändern unsere Lebensweise, unser Zusammenleben, unsere Anschauungen, unsere Werte, unser Wissen und dessen Produktion.

Ivan Illich hat schon 1970 etwas Wesentliches klargestellt – damals anlässlich der Sprachlabore als „neue Sau“ im Unterrichtsdorf:

Die Alternative zur Abhängigkeit von Schulen ist nicht, öffentliche Gelder für ein paar neue Geräte auszugeben, die die Menschen „lernen machen“. Sie besteht stattdessen in der Entwicklung einer neuen Art von Lern-Beziehung zwischen dem Menschen und seiner Umwelt.
(Ivan Illich 1970, Education Without School. How it Can Be Done.)

Er hat Recht: es geht nicht um ein neues Gerät und den Umgang damit. Das wäre das Problem der traditionellen Medienpädagogik. Auf heute übertragen: Es geht nicht um den Computer oder das Internet, sondern um eine neue Art von Lernen unter den Bedingungen eines neuen Betriebssystems, das die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt, zwischen den Menschen und des Menschen zu sich selbst verändert.

Lernen ist der Operationsmodus der Beziehung zwischen dem Menschen und seinen Umwelten.

Eine sehr schöne, allerdings weitreichende Formulierung! Sie bringt auf die kürzeste Form, dass das allgemeine „Betriebssystem“ unserer Welt-Gesellschaft „Lernen“ heißt. Damit wird nicht nur das auf die einzelne Person beschränkte „individuelle“ Lernen, nicht nur das auf Institutionen und Unternehmen bezogene „organisationelle“ Lernen, nicht nur das „Lernen“ von gesellschaftlichen Subsystemen, ja selbst von Staaten, sondern das „Lernen“ einer Kultur (was fundamental mehr meint als „kulturelles Lernen“!) zur zentralen Überlebensweise der Menschheit. Im Unterschied zu allen historischen Kulturen kann die unserige daher als „Kultur des Lernens“ verstanden werden, was allerdings erheblich mehr bezeichnet als die Vorstellung von einer neuer „Lernkultur“, die in unseren Schulen einziehen sollte.

Und diese ist kulturhistorisch konkret, d.h. sie verändert sich im Laufe der Menschheitsgeschichte. Das kann man in Epochen oder für unsere Zwecke hier vereinfacht auch in Jahrhunderten zeigen:

  1. Literacy im 19. Jh.

Literacy verstehe ich allgemein als die grundlegende Lerntätigkeit, die gekonnt werden muss, um an der Gesellschaft teilnehmen zu können. Im 19. Jahrhundert hieß das, vorgegebenen „Stoff“ aufnehmen, im Gedächtnis behalten und in passenden Situationen anwenden zu können. Der „Stoff“ erscheint dabei als der einzige Inhalt, aber es ist nicht der einzige, nur der einzige explizite. Implizit wird mitgelernt, wie man ihn lernt

möglicherweise!

Aber eben nicht bewusst. Übertragbarkeit auf andere „Stoffe“ ist damit fraglich; autodidaktisches, absichtliches selbst-ermächtigtes Lernen unwahrscheinlich.

Das Lernen ist auf Erfahrung begrenzt, also Erfahrungslernen oder  „Kontextlernen“.

19th-century-literacy2. Lernen lernen, also explizit zu lernen, wie man absichtlich lernt, wird schon im 19. Jh. von Humboldt, und dann das ganze 20. Jh. über immer wieder von der Reformpädagogik eingefordert – und doch bis heute nur sporadisch umgesetzt.

Ich würde ergänzen: Das Humboldtsche Konzept des Lernenlernens hatte das Ziel, Wissen  bewusst und selbständig, also unabhängig von Schule und Lehrer erwerben zu können.

Der explizite Lerninhalt soll nicht mehr nur der Gegenstand 1. Ordnung sein, sondern auch wie er zu lernen ist.

Genau, das verlangt eben eine ganz neue Qualität des Lernens: Im Lernen des Lernens eines Gegenstandes wird seine Bedeutung bewusst. Das Lernen wird dadurch vom konkreten Inhalt getrennt, also „allgemein“ oder „dekontextualisiert“. Die Bildung wird zur Allgemeinbildung.

20th-century-literacyDer Stoff – immer verstanden als „gesellschaftlich schon vorhandenes Wissen“ verschwindet nicht, aber seine Bedeutung relativiert sich.

Besser: seine Funktion verändert sich: Ich lerne einen Stoff nicht mehr nur, um eine bestimmte Situation in einem bestimmten Kontext zu bewältigen. Ich lerne jetzt zusätzlich und gleichzeitig, wie ich andere, ähnliche oder vergleichbare Stoffe unabhängig von ihrem konkreten Situationsbezug lernen kann. Ich lerne, Inhaltsstoffe aus ihrem konkreten Kontext und ihrem situativen Erfahrungsbezug zu lösen. Ich lerne ihre allgemeine gesellschaftliche Bedeutung.

Das ist notwendig, denn nur so kann ja gesellschaftlich neues Wissen gebildet werden und können Bedeutungen sich ändern. Und es ist nicht so, dass man zunächst  jahrelang „Grundlagenstoff“ lernen müsste und erst danach in der Lage wäre, Lernen zu lernen. Es läuft stattdessen parallel, koevolutionär, und das von Anfang an.

Ja, jedenfalls seit es den Buchdruck gibt.

Weil das Lernen Lernen aber tatsächlich nicht gelehrt wurde und wird, und so immer nur eine dünne Schicht Lernen gelernt hat – zufällig, bei besonders guten Lehrern oder von den (akademischen) Eltern – kann  Alvin Tofflers Statement von 1971 immer noch so revolutionär klingen:

Der Analphabet von morgen ist nicht der Mensch, der nicht lesen kann; es ist der Mensch, der nicht lernen gelernt hat.
(Herbert Gerjuoy (zit. n. Alvin Toffler) 1971)

Zu Humboldts Zeiten, also in der Konsequenz der großen preußischen Reformen und der Entwicklung des intensiven Kapitalismus in Preußen sind Hunderttausende zugrunde gegangen, weil sie das Lernen nicht gelernt hatten. Und das allgemeinbildende öffentliche Pflichtschulwesen ist eingerichtet worden – und anfänglich gegen den Widerstand der Kommunen, der entstehenden Betriebe und sogar der Eltern aus den ärmeren Schichten, die auf die Arbeit ihrer mitverdienenden Kinder nicht verzichten konnten oder wollten -, weil vor allem die nach der Bauernbefreiung abhängigen Landarbeiter unfähig waren, der Arbeitsdisziplin in den neuen Industriebetrieben zu entsprechen. Literacy hieß damals also nicht bloß, die „Elementarbildung“ anzueignen, also die allgemeinen Fähigkeiten des Lesens, Schreibens und Rechnens zu beherrschen, sondern hieß darüber hinaus vor allem auch, die allgemeinen Grundfähigkeiten der industriellen Produktion zu verinnerlichen: Arbeitsdisziplin, Korrektheit und Genauigkeit der Arbeit, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit sowie Sparsamkeit, Bedürfniskontrolle, Haushalten, d.h. über den konkreten Zeitpunkt und die aktuellen Erfordernisse hinaus zu denken. Diese Basisvoraussetzungen des Lernenlernens hat das Niedere Schulwesen durchaus vermittelt. Die Vermittlung der erweiterten Fähigkeiten blieb natürlich dem Höheren Schulwesen vorbehalten.

3. Die schlechte Botschaft ist: Lernen lernen – das reicht nicht mehr, nicht mal für heute, und schon gar nicht für morgen. Denn die 21st Century Literacy muss noch eine Stufe weiter gehen.

Das klingt normativ, ist aber so nicht gemeint. „muß“ meint hier: es ist im allgemeinen Interesse, es ist objektiv gesellschaftlich notwendig. Genauso wie den preußischen Reformern klar war, dass das Lernenlernen sein „musste“, wenn – ökonomisch argumentiert – Preußen damals die Konkurrenz der schon weiter entwickelten Industrieländer England und Holland bestehen wollte. Medienhistorisch argumentiert: Den Reformern (vor allem den philosophisch orientierten unter ihnen) war klar, dass die Entwicklung dieses armen, überwiegend auf eine recht primitive Landwirtschaft konzentrierte Gesellschaft nur eine Entwicklungschance hatte, wenn es gelang, eine neues gesellschaftliches System mit dem ganz speziellen Zweck zu etablieren, möglichst schnell und möglichst vielen Menschen den Zugang zu dem neuen „Zentralcomputer“ der Allgemeinbildung zu verschaffen – oder mit anderen Worten: die Basisfähigkeiten der Literacy zu vermitteln, d.h. das Schulsystem. Das Schulsystem ist quasi der Zentralcomputer des 20. Jahrhunderts, der nur auf der Basis des institutionalisierten, formalen Lernen des Lernens funktionierte. Wer das nicht konnte, war von den Grundlagen des gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen. In diesem Sinne „musste“ das Lernen gelernt werden. Und in diesem Sinne „muss“ die Literacy im 21. Jahrhundert „noch eine Stufe weiter gehen.

Sie orientiert sich an den Netzprinzipien. Diese bestimmen die Kommunikation, soziale Beziehungen, also auch Wissen & Lernen:

  • offen
  • überall, immer
  • verknüpft
  • multiperspektivisch- intersubjektiv
  • selbstgesteuert
  • personalisiert
    • Ich ergänze: rekontextualisiert und situativ!

Und diese neuen Kommunikations-Prinzipien fordern und fördern historisch besondere, neue Fähigkeiten  – sowohl von Individuen als auch von Organisationen.
Was Andreas Schleicher mit 21st Century Skills meint, habe ich hier mal in einfacher Sprache auf den Punkt gebracht:

Nichts ist objektiv gegeben.

Es gibt keine unveränderbaren Wahrheiten mehr, keine allgemeine objektiven Bedeutungen, an denen man sich orientieren könnte.

Deswegen kann man beim Lernen nichts vorgeben.

Du bist allein selbstverantwortlich, und niemand kann dir das abnehmen.

Du musst dir deinen eigenen Reim auf die Welt machen. Du musst dein eigenes Ding machen aus dem, was du in deinen Umwelten vorfindest.

Du bist der Schöpfer deiner eigenen Bedeutungen, die du nur noch mit anderen diskutieren und teilen kannst.

Und wie das geht, das musst du lernen.

Dieses Lernen unterscheidet sich von dem bisherigen dadurch, dass es sich darauf konzentriert, die „Bedeutung der Bedeutungen für mich“ oder mit anderen Worten  ihren „persönlichen Sinn“ bilden zu lernen.

Die Voraussetzung dafür formuliert der kanadische Kulturanthropologe Michael Wesch so:

In einer Welt schier unbegrenzter Information(en) müssen wir zuerst nach demWARUM fragen, dann das WIE ermöglichen und anschließend das WAS wie selbstverständlich daraus herleiten.
(Michael Wesch 2009)

Das heißt, wir müssen für das 21. Jahrhundert einen neuen Rahmen ergänzen, von dem alles ausgeht:

21st-century-literacyDas wäre folgerichtig das Lernen Lernen lernen. Lernen 3. Ordnung. So nennt es auch der Berliner Erziehungswissenschaftler Johannes Werner Erdmann, eine Formulierung von Bernd Fichtner aufgreifend. Und wieder: nicht erst der „Stoff“, dann die Methoden, dann der Sinn. Sondern gleichzeitig von Anfang an. Ohne Sinn kann man nur auswendiglernend nachäffen, aber nicht verstehen und selbst konstruieren. Georg Rückriem nennt daher die wichtigste Fähigkeit des 21. Jahrhunderts die Fähigkeit zur persönlichen Sinnbildung. Denn der persönliche Sinn ist nicht für alle gleich und lässt sich nicht von Autoritäten vorgeben:

Gemeint ist nicht, dass Lernende ‚von selbst‘, also nicht ‚fremdbestimmt’auf die bereits feststehende Lösung eines Problems kommen, sondern dass sie auf IHRE Lösung kommen.
(Georg Rückriem 2010 in: Lernen und Sinn)

 Die neue Lernbeziehung zwischen dem Menschen und seiner Umwelt (Ivan Illich) muss also v.a. Sinnbildungslernen ermöglichen. Und der 70er Jahre-Toffler müsste, 40 Jahre später für heute aktualisiert, dann so lauten:

Der Analphabet von morgen ist nicht der Mensch, der nicht lernen kann;
es ist der Mensch, der nicht Lernen Lernen gelernt hat.

Gut, aber was heißt das genau? Ich lege Vygotskijs allgemeine Trias des Lernens zugrunde: Die Notwendigkeit für gelingendes Lernen erstens zu interiorisieren, also Wissen zu verinnerlichen, zweitens zu exteriorisieren, also das eigene Verständnis in Artefakten zu vergegenständlichen, um es sich als Lerngegenstand 2. Ordnung vor Augen halten zu können, und drittens zu kommunizieren.

Halt! Das ist zwar ein neuer und interessanter Gedanke, aber er darf nicht dazu führen, dass alle drei Schritte „unter den Bedingungen des neuen Mediums“ sinnbestimmt sind: Nur solches Wissen wird wirklich „interiorisiert“, also verinnerlicht oder besser noch: „zu Eigen“ gemacht (was etwas ganz anderes bedeutet als Paukerei!), was persönlich sinnvoll erscheint. Und „exteriorisieren“ meint dann, nicht bloß das eigene Verständnis, sondern den eigenen Sinn zu vergegenständlichen, den man dem interiorisierten Inhalt beimisst. Und kommunizieren bedeutet, persönlichen Sinn auszutauschen.

Dann könnte man die Mensch-Umwelt-Lernbeziehung unter der Bedingung von Digitalität (Rückriem) so fassen:
Heute muss ich interiorisieren, indem ich ständig mein Wissen erneuere, es muss mir selbstverständlich werden, mein gestern erworbenes Wissen heute wieder infrage zu stellen. Inwiefern gilt es heute noch, inwiefern nicht mehr?

Wenn dabei „Sinn“ immer mitgedacht wird, ist es leichter nachzuvollziehen, warum dies keine Forderung bzw. normative Aussage ist, denn Sinn ändert sich in jeder neuen Kommunikation ständig und immerzu und kann gar nicht anders.

Meine Lerntätigkeiten dazu sind erkunden, entdecken, erproben, wieder verwerfen und wieder von vorne.

Ja, das ist konsequent!

Das Internet ist dafür das Medium Nr. 1; ein konkretes Projekt ist der Bedeutungsrahmen für episodisch enthaltene systematische Lehrgänge. Und das Spielen als Erkenntnismethode hat einen prominenten und seriösen Platz in der Erwachsenenwelt bekommen, nachdem es vor 200 Jahren in die Kindheit verbannt wurde.

Spielen war immer schon eine optimale Methode zur experimentellen Entwicklung und Erprobung neuer Sinnmöglichkeiten.

Lernen bei der Arbeit, Lernen also situiert in Lebenszusammenhängen statt isoliert von ihnen; personalisiert, eigensinnig und mit dem Ergebnis eines selbst gebildeten Sinns, der weder vorhersagbar ist noch von außen verordnet oder gestiftet werden kann.

Beim Exteriorisieren heißt das sich ständige wechselseitige Verwandeln von Wissen und Nichtwissen in Sinn, dass alle Ergebnisse nur Skizzen, Entwürfe, Prototypen, nur vorläufig gültige Sinnformen sind. Weil Lernen nur da möglich ist, wo Nichtwissen ist, sind exteriorisierte Fehler, Irrtümer und Miskonzepte wichtige Voraussetzungen und notwendige Begleiterscheinungen des Lernens, Durchgangsformen im Prozeß der Wissensbildung. Alles ist vorläufig, dafür aber wird überall und immer gelernt – natürlich personalisiert und eigensinnig. Das heißt für unser Verständnis von Wissen:

Wissen ist kein Produkt mehr, sondern ein Prozess.
(David Weinberger)

Im Dialog, der dritten Komponente der Lerntätigkeit wechseln Wissen und Nichtwissen ständig die beteiligten Personen. Erst weiß der eine etwas, dann steuert eine andere etwas bei.

Jeder lernt am anderen für die eigene Sinnbildung.

Ohne den permanenten Austausch von Erfahrungen und Ideen mit anderen, kann heute niemand mehr lernen oder Neues entwickeln.

Das gilt in ganz besonderem Maße für das Verhältnis von Kind und Eltern oder von Schülern und „Lehrer“: Kinder und Schüler lernen am Beispiel der Sinnbildung ihrer Eltern und Lehrer, wie Menschen Sinn bilden. Außerhalb des menschlichen Dialogs ist Sinnbildung nicht möglich, wie man am Beispiel geistig behinderter Menschen längst weiß.

Der Denker im einsamen Gelehrten-Stübchen war schon immer ein Mythos. Aber heute ist der Mythos entlarvt. Ich brauche den Dialog für die Sicherheit meiner eigenen Sinnbildung, Austausch für die Tiefe meines Wissens, brauche Gleiche in meinen Kommunikationsnetzen, Menschen mit Übereinstimmungen in grundlegenden Positionen, an denen ich mich nicht nur reibe, mit denen ich nicht immer bei Adam und Eva anfangen muss, wenn es um einen gemeinsam geteiltes Verständnis geht.

Ich brauche aber auch Austausch für den weiten Horizont, denn sonst schmore ich im eigenen Saft. Filterbubble und Echo chamber sind Warnbegriffe dafür. Staunen, Verblüffung, aber auch Offenheit für Serendipity (also etwas zufällig zu finden) sind Haltungen, die wir trainieren, wenn wir uns eher Fremde und sogar vermeintlich „Verrückte“ als Teilnehmer in unsere Netze holen. Und wir können uns – wenn auch oft schwer und mit Mühe – daran gewöhnen, unser Wissen nicht für objektiv und allgemein gültig zu halten.
Lokal und global müssen wir uns vernetzen, und „immer und überall in Verbindung zu bleiben“ ist wörtlich zu nehmen. Kann, aber muss nicht, selbstverständlich.
Das Wichtigste ist: Teilen, Teilen, Teilen.

 Denn Wissen, das nicht im Umlauf ist, ist schon vergessen.
(Martin Lindner)

 Wir können uns das Life Long Learning vorstellen wie ein Pulsieren. Wie das Atmen zum Überleben der Physis nie aufhören darf, so darf das Lernen zum Überleben der Gesellschaft nicht aufhören. Wissen ist nicht in den Köpfen, sondern zwischen den Köpfen.

„Life Long Learning“ ist als Topos der Erwachsenenbildung altbekannt, meint aber etwas ganz anderes als das Lernen des Lernenlernens, auch wenn in beiden Fällen mit den drei LLL operiert wird. „Life long“ heißt nichts anderes als Ausweitung oder Verlängerung des Bedeutungslernens (Lernen 2. Ordnung). Das Lernkonzept des Life long learning ist also qualitativ fundamental anders, weil es das Sinnbildungslernen konzeptionell gar nicht kennt.

Wir müssen also zum Sinnbilden lernen Netzwerken lernen. Und die Netze dafür müssen wir uns selbst bauen und kontinuierlich aktualisieren auf unseren jeweiligen Entwicklungs- und Bedürfnisstand. Was die digitalen Medienformen angeht, könnte ein Persönliches Lernnetzwerk z.B. so aussehen:

pln2

Lernen & Leben ist dabei nicht mehr unterschieden.
Ich kommuniziere, also lerne, also lebe ich.
All das ist zunächst informell, aber es können sich nonformale, sogar formale Lern-Zusammenhänge daraus ergeben:
Aus meinem persönlichen Blog hat sich eine professionelle Lerngemeinschaft mit anderen Blogs ergeben. Aus der unverbindlichen G+ Kommunikation die Teilnahme an einem MOOC.

Aber was bedeutet das für Deinen persönlichen Sinn? Welche Dimensionen ergeben sich, wenn solche Lerngemeinschaften zur allgemeinen gesellschaftlichen Praxis, würden? Warum das Lernen der 3. Ordnung gesellschaftlich notwendig ist oder wenigstens immer mehr wird?

Und natürlich kann man auch das gesamte persönliche Netzwerk in formale institutionelle Bildungszusammenhänge stellen: Nämlich dann, wenn die Bildungsinstitutionen endlich ihre Hauptaufgabe im 21. Jh. übernehmen, für jeden Menschen die Bildung und Pflege solcher persönlichen Lernnetzwerke zu ermöglichen und zu fördern.

Das klingt aber sehr technisch, scheint auf der gerätetechnischen Ebene zu verbleiben – „toolification“.

Klar expandiert das nicht nur den Klassenraum oder den Hörsaal in die Welt hinein – es sprengt den institutionellen Rahmen und schafft schließlich durch die neue Praxis einen neuen.

ja! Aber zu diesem Neuen sagst Du hier nichts mehr!

Am zweiten Tag der Republica hörte ich von Nishant Shah den Begriff „toolification“ – seine  Bezeichnung für die gerätefixierte bzw. toolfixierte Vorstellung von digitaler Bildung, die so weit verbreitet ist und die er ablehnt. Eine Bildung, die auf der Schaffung eines persönlichen Lernnetzwerks beruht, ist das Gegenteil davon, denn

 Web 2.0 ist keine Technologie, es ist eine Einstellung (Stephen Downes)

Wunderbares Zitat! Es wäre noch wirkungsvoller, wenn Du vorher die – berechtigte – Kritik an der toolification mit Hilfe der Sinn-Kategorie auch auf persönliche Weise einholen würdest. Denn der ganze letzte Abschnitt kann tatsächlich als Werbung für eine toolification gelesen werden, solange nicht ausdrücklich klargestellt wird, dass – und wieso – damit die heute notwendige Stufe der Sinnbildung gerade verfehlt wird.

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4 Antworten zu Lernen Lernen lernen – Anmerkungen zu Lisa Rosas re:publica13 Talk

  1. Lisa Rosa schreibt:

    Lieber Georg, danke für die Kommentare! (Jetzt versteh ich den Vortrag, bzw. seinen Gegenstand auch besser.;-))
    Und was den Eindruck der toolification bei meinem PLN-Beispiel angeht: Da hast Du natürlich vollkommen Recht, denn gezeigt werden ja wieder nur die tools. Aber wie kann ich den Sinn, der mit deren Gebrauch generiert wird, ZEIGEN? Ein Maler vielleicht. Ich kann besser beschreiben.
    Also:

    Ich habe mir mit dem PLN und seinen Medienformen (bzw. tools) im Laufe der Jahre einen Lebensraum geschaffen, der mir erlaubt, ständig und reflexiv lernend zu meiner Zufriedenheit – manchmal sogar *glücklich* – mit meinen inneren und äußeren Systemumwelten klarzukommen. Ich lerne damit z.B. neben den vielen wertvollen Serendipity-Links zu meinen Arbeits- und Lebensthemen, die mir in meinem Netz „zustoßen“ und die ich kaum absichtlich hätte selbst finden können, verträglich zu kommunizieren ohne die Leute dauernd vor den Kopf zu stoßen. (Das geht für mich hier viel besser als in f2f-Zusammenhängen.) Und das hat mir eine Menge Zuwachs an guten Sozialkontakten verschafft. Ich habe nur mit und durch dieses selbst und mit anderen über Jahre aufgebautes PLN gelernt, allein zu sein, ohne mich einsam zu fühlen. Das hat mir eine Menge Zuwachs an Autonomie verschafft. Und ich habe während und durch des Baues dieses Netzwerks völlig neue Möglichkeiten der Arbeit gewonnen. Das hat mir eine Menge an Sinn verschafft.
    Um nur das Allerwichtigste zu nennen!
    Zusammengefasst habe ich am eigenen Leib mit dem, wie die Menschen in meinen Netzen mit mir umgehen, erfahren, was es heißt, wie Du so schön ausdrückst: „Jeder lernt am anderen seine eigene Sinnbildung“. Denn die Sinnbildungsmöglichkeiten, die mir ohne dieses PLN in meinen offline begrenzten Umwelten vorlagen, waren nicht so der Hit.

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